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Der Tempel

    Der Tempel

    (von Julius Ritz)

    Homepageandacht Mai 2016

    Ich habe neulich im Internet einen lustigen Spruch gelesen:

    Dieser Moment, wenn du, bevor Besuch kommt, die ganze Wohnung putzt - und wenn sie dann da sind, sagst: "tut mir Leid, ich bin gar nicht zum Aufräumen gekommen."

    Jeder fühlt sich in einer ordentlichen Umgebung wohl. Zwar liegen die Toleranzen von sich anstauender Unordnung bei jedem natürlich etwas anders, trotzdem freut sich jeder über eine saubere, aufgeräumte Wohnung. Natürlich oder auch gerade dann, wenn Besuch kommt.

    In der Bibel zieht der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther einen interessanten Vergleich zum Thema Wohnung. Dort finden wir den Monatsspruch zum Mai:

    Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst. 1. Kor. 6,19

    Paulus bezeichnet hier meinen Körper als "Tempel des Heiligen Geistes".

    Von dem Begriff "Tempel" haben die meisten Menschen eine klare Vorstellung; die Menschen aus Korinth natürlich auch. Ein Tempel ist die sinnbildliche, irdische Wohnung einer Gottheit, in dem man dieser besonders nah sein kann. Dort werden Gottesdienste gefeiert und Ehrerbietungen dargebracht. Solche Orte wirken nicht nur wegen der imposanten Bauweise besonders - dort ist es auch ordentlich und sauber.

    Einen wichtigen Unterschied sehen wir aber: der Tempel, von dem Paulus spricht, ist kein Gebäude aus Stein, sondern der Leib eines jeden Christen. Und der Heilige Geist, die Präsenz Gottes, kommt zu uns - nicht wir müssen zu ihr gehen (wie es bei einem "normalen" Tempel notwendig wäre). Als Christ ist man "Wohnraum" für Gott. Man stellt ihm quasi eine Wohnung zur Verfügung.

    Dieser Eintritt von Gottes Präsenz in unser Leben hat Folgen.

    Mit dem Satz "ihr gehört nicht euch selbst" ist ein starker Anspruch verbunden, der vor den Kopf stößt. Als freie, aufgeklärte Menschen lehnen wir erstmal jede "Fremdherrschaft" über unser Leben ab. Das klingt nach Kontrollverlust, nach Blindflug.

    Der Vers steht aber nicht aufgrund der Machtgelüste Gottes in der Bibel. Gott möchte für unser Leben das Beste: und deshalb wünscht er sich, dass wir einerseits gut mit uns umgehen. Dass wir schauen, was wir unserer Seele und unserem Körper zumuten können - und was nicht.

    Und andererseits lädt er uns ein, ihm immer mehr Platz zu machen. Ihm mehr und mehr die Lenkung in unserem Leben zu überlassen.

    Nicht, weil er uns Herrschaft oder Selbstbestimmtheit wegnehmen will. Sondern weil er uns mehr und mehr zu dem Menschen formen will, den er sich gedacht hat, als er uns geschaffen hat.

    Wenn sich bei uns Besuch ankündigt, dann räumen wir vorher auf. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir dem Besuch einen schönen Empfang bieten wollen.

    Für Gott müssen wir nicht extra aufräumen. Er nimmt in uns Wohnung, so wie wir sind. Aber er hilft uns gerne dabei unnötigen Dreck und Ballast loszuwerden.