Ein gutes Urteil
(von Peter Madel)
Der ehemalige New Yorker Bürgermeister La Guardia vertrat
manchmal den Polizeirichter. Eines kalten Wintertages führte man
ihm einen abgerissenen, alten Mann vor. Er hatte aus einer Bäckerei
ein Brot gestohlen. In der Vernehmung gab der Mann den Diebstahl zu
und gab an, er habe das Brot nur genommen, weil seine Familie am
Verhungern sei. Der Bürgermeister sprach das Urteil, denn das
Gesetz erlaubte keine Ausnahme. So verurteilte er den armen Mann
zur Zahlung von zehn Dollar Strafe. Dann griff er in die Tasche,
gab dem Mann eine Zehndollarnote, damit er seine Strafe auch
bezahlen konnte und frei kam.
Aber dann wandte er sich an die Zuhörer im Gerichtssaal, und zu
ihrer Überraschung sagte La Guardia: "Und nun verurteile ich jeden
Anwesenden zu einer Geldbuße von 50 Cent, und zwar dafür, dass er
in einer Stadt lebt, in der ein Mann Brot stehlen muss, um seine
Familie vor dem Hungertod zu bewahren. Herr Gerichtsdiener,
kassieren Sie die Geldstrafen sogleich und übergeben Sie sie dem
Angeklagten!"
Der Hut machte nun die Runde, und der alte Mann konnte mit fast 50
Dollar in der Tasche den Gerichtsaal verlassen. Ein gutes Urteil,
das uns an unsere Verantwortung füreinander erinnert. Bevor wir
einander richten und verurteilen, anklagen oder bestrafen, wollen
wir füreinander einstehen und miteinander teilen.
(Axel Kühner: Überlebensgeschichten für jeden Tag)