von Christian Fischer

 

„Bei allem, was ihr tut, lasst euch von der Liebe leiten.“ (1.Kor. 16,14)

So steht es für 2024 als Jahreslosung über diesem Jahr. Was sich auf den ersten Blick schön anhört, wird für mich auf den zweiten, dritten und vierten Blick eine echte Herausforderung, ja vielleicht auch schon eine Zumutung. Mal ehrlich, will ich das aus eigener Kraft schaffen, werde ich spätestens nach dem 2. Tag schweißgebadet aufwachen und merken, dass diese Challenge einfach nicht zu erfüllen ist.
Vom Aufstehen, bis zum ins Bett gehen, beim Müll raus bringen und auf der Arbeit oder Schule. Man, wie soll das gehen und vor allem Dingen wofür? Hab ich oder mein Gegenüber was davon? Gibt es vielleicht Ausnahmen, so dass das nicht in allen Bereichen gilt? Zwecklos, davon schreibt Paulus nichts. Was verlangt der da eigentlich? War ihm das vielleicht gar nicht bewusst, was er da mal eben so neben bei in den Abschlussgrußworten des Briefes fallen lässt? Das kann doch nur schief gehen.
War er vielleicht einfach noch nicht so weit wie wir heute? Ich meine schließlich sind wir doch heute gut 2000 Jahre weiter und viel aufgeklärter und haben was dazu gelernt, oder? So was, was er da beschriebt hat doch noch nie geklappt. Was bedingt klappt, ist dass wir uns Strukturen geschaffen haben, in denen wir uns prima in Recht und Ordnung bewegen können. Das ist viel besser und allgemeingültiger, als sich immer nur von der Liebe leiten zu lassen. So lange wir uns dann alle auch schön daran halten, ist alles super und jedem geht es gut. Doch die Sache hat einen Haken. Früher oder später werden sich Grenzen verschieben, weil was nicht zur Ordnung passt und wir werden versuchen die Ordnung zu interpretieren, dass wir den größtmöglichen Vorteil davon haben. Und nun? Dumm wenn wir vielleicht der einzige sind, der meint, zu Recht die Grenze hinterfragen zu dürfen.
Seit Anbeginn der Menschheit ist es ist kein Geheimnis, das so ein augenscheinlich rechtlich korrektes Verhalten auf kurz oder lang zu Zank, Streit, Missverständnissen, Verletzungen bis hin zu Mord und Totschlag, sogar Krieg führen kann. Auch dass haben die letzten 2000 Jahre immer wieder auf tragische Art und Weise gezeigt. Und trotz aller Technik, Analysemöglichkeit und Wissenschaft sind wir keinen Schritt weiter als zur Zeit von Paulus. Wir sind nicht so aufgeklärt wie wir denken zu meinen. Schon morgens beim Frühstücktisch in der Familie kann es wegen eines einzigen falschen Wortes und anderen Banalitäten genauso eskalieren, wie den Tag über auf der Arbeit beim Zusammentreffen mit den Kollegen oder auch in der abendlichen Vorstandsitzung des Vereins. Sucht Euch Euer Lieblingsschlachtfeld aus, egal wo. Aber da wo Menschen aufeinandertreffen, kann genau das passieren, wenn wir nur auf uns selbst und unseren eigenen Vorteil gucken. Vielleicht noch nicht mal als Absicht.

Ich denke, genau das war Paulus auch vor 2000 Jahren sehr klar und bewusst und hat es immer wieder erlebt und genau deshalb will er hier aufrütteln. Denn das, was so oft in unserem täglichen miteinander schief läuft, kann auch anders ablaufen und muss nicht zwangsläufig schief gehen. Was, wenn wir uns bewusst machen, was wir als Glaubende täglich für ein Geschenk mit uns rumtragen und bereit sind einen kleinen Moment mal Inne zu halten, zurückzutreten und Raum zu schaffen, dass Segen entstehen kann?
Wenn ich so darüber nachdenke, dann meine ich, dass es das ist, wenn Paulus sagt: wir sollen uns in allem von der Liebe leiten lassen. Damit ist nicht unsere eigene begrenzte und manchmal auch berechnende Liebe gemeint, die nur soweit geht, wie ich meine eigenen Ziele damit verfolgen kann. Nein, hiermit ist eine andere Art von Liebe, nämlich DER Liebe gemeint: Sie hat nicht umsonst einen Artikel und ist allgemein, nein es ist Gottes grenzenlose Liebe.
Das Geschenk besteht darin, genau diese eine Liebe in jedem Moment anfordern zu dürfen, und uns ihr zur Verfügung zu stellen, so dass sie durch uns wie eine Taschenlampe wirken kann.
Wie befreiend und erleichternd: Nicht wir müssen für Gott machen, sondern Jesus möchte durch uns. Das macht einen riesen Unterschied und auf einmal wird Paulus Aufruf an uns nicht mehr zu einer unerfüllbaren Zumutung, die in Stress und Versagen ausartet, sondern zu einer Einladung sich selbst und uns allen ein Segensgeschenk zu machen.
Wie würde wohl die nächste Familienfrühstückstisch, die nächste CVJM- oder Presbyteriumssitzung, die nächste Stadtratssitzung, Bundestagssitzung oder UNO-Vollversammlung aussehen, wenn jeder vor dem nächste Wort, dem nächsten Schritt, die Augen schließt, tief durchatmet und Jesus einlädt durch ihn zu wirken? Dann besteht plötzlich die Möglichkeit, dass der nächste Schritt anders, in Gottes Liebe geschehen kann. Ich bin mir sicher, im Kleinen und Großen, werden wir uns wundern, wie sich dann auf einmal unbekannter Segensraum öffnet. Hier wird es möglich, dass tiefsitzende Verletzungen und schier unlösbare menschliche Konflikte die Chance eines anderen Blickwinkels und der Lösung bekommen. Das heißt nicht, dass es nie mehr Konflikte geben wird, doch der Umgang miteinander wird ein anderer, ein respektvoller und von Gottes Liebe getragener sein. Denn Jesus Liebe besteht nicht auf ihr Recht, sondern ist liebend, heilend und allumfassender als jedes menschliche Denken und lieben jemals sein kann. Auch wenn wir nicht an den großen Schaltzentralen der Welt sitzen, so haben wir jeden Tag die Chance vor jedem nächsten Schritt immer wieder neu innezuhalten und zu bitten: „Fülle Du mich mit Deiner Liebe und handel durch mich“. Das ist keine große Sache und kann immer und überall erfolgen. Vielleicht braucht es dann 3 Sekunden länger bis ich antworte und mein Gegenüber wundert sich, dass ich kurz durchatme.
Aber es macht es einen riesigen Unterschied weil ich weg von mir gucke zu Jesus gucke und erst dann handeln kann.
Wir sehen gerade ganz genau, was um uns herum passiert, wo jeder nur auf sich schaut, auf sein Recht besteht und Hass, Angst und Bedrohung keine Fremdworte sind sondern oft Alltag. Wie wichtig jetzt gerade sich von Jesus und seiner Liebe leiten zu lassen. Lasst uns als Glaubende an Jesus Christus diese Haltung zu unsren Mitmenschen bringen und uns bewusst machen, was für ein unermesslicher Segen damit für uns alle verbunden ist. Nur so können wir uns in allem von der Liebe leiten lassen.
Nehmen wir diese Herausforderung an, von uns zurücktreten, damit Jesus Raum hat durch uns zu wirken und durch Ihn wir in allem in Liebe agieren können auf das andere angesteckt werden bis in die kleinen und großen Machtzentralen?
Ich wünsche mir und Dir diese Liebeshaltung von Herzen, denn sie hat die Macht alles segensvoll zu ändern und das nicht nur im Jahr mit dieser auffordernden Jahreslosung.